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Posts Tagged ‘Karneval’

Tiere wollen gepflegt werden. Gefüttert. Gezähmt. Sie brauchen Streicheleinheiten und Auslauf. Mein Gehege stand eine Weile einsam in ihrer Internetsteppe und siehe da, eines kaltfeuchten Oktobernachmittags setze ich mich an meinen Monitor und erhoffe jaulende Begrüßungen zu hören, aber was finde ich? Einen Zettel, der mit mitteilt:  

Sind bald wieder da,
müssen zum Karneval!
 

Und ich wundere mich was ich davon halten soll. Ein Fremder schickt eine Einladung und meine Literatiere machen sich auf und davon. Immerhin hinterließen sie eine Nachricht.

An dieser Stelle darf ich jedoch all die frommen Lämmer dort draußen warnen, eine Einladung fremder Tiere (und seien es nur Literatiere) ist mitunter ein riskantes Unterfangen. Obendrein, wenn man von einem Jungzoo spricht. Aufmüpfige Tiere, deren Charakter noch nicht ausgereift ist, deren Krallen noch geschärft, Muskeln noch von weitläufigen Feldern träumen und deren Zoodirektor im Begriff ist das Handbuch zur Zucht von Literatieren selbst zu schreiben.

Besonders darf ich vor der Literhyäne warnen. Ein äußerst launisches Wesen, dessen Aggressivität, wenn unbeachtet, direkt vom Blatt ins Gesicht des Lesers springen kann. Sie jagt in Rudeln und weiß die Arbeit anderer stets zum eigenen Nutzen auszulegen. Sie stiehlt ihre Wortbeute wo sie kann und tritt oft im Schafspelz vor Leser und Kritiker.

Ganz im Gegensatz dazu der Literastrauß, der seinen Kopf ständig in den Sand stecken möchte. Er lebt in kleinen Zimmern, deren Fenster und Türen geschlossen gehalten werden müssen. ‚G’schamig‘ würde mein Onkel ihn nennen, denn er träumt davon im Gegenlicht der untergehenden Sonne mit ausgebreiteten Flügeln weite Strecken über eine grasige Steppe zu laufen – natürlich nur unter der Bedingung keiner schaut zu.

Ungemütlich kann es auch bei einer Vorstellung des Literafrosches werden. Nicht zu verwechseln mit dem selbst-ironischen Clown des Literakadus kann sich dieser quakende Geselle – ohne jegliches Seerosenblatt vor dem Mund zu nehmen – in mitten eines riesigen Fettnäpfchensees über alle möglichen Dinge erregen. Oft schnellt seine Zunge weit über das Ziel hinaus und verheddert sich in einem Dornenbusch der Peinlichkeit. Aber er hat ein gutes Herz, er wird lernen sein Gewicht auf dem Seerosenblatt zu balancieren. Man verzeihe ihm seine kindlichen Ausbrüche.

Übrigens, die ‚line-dance‘ Gruppe von Literalemmingen gehört nicht zu meinem Zoo. Wenn sie also zusammengerottetes Modeschreiben, selbstbeweihräuchernde popliterarische Akrobatik, oder eine beklatsche Polonäse gleichgekleideter Wortkünstler sehen, die kommen aus einem anderen Zoo. 

Nachtrag:

Natürlich hat niemand eine neue Idee, selbst das wundertolle Internet hat die Welt nicht um neue Ideen erweitert, sondern lediglich der Verbreitung alter Ideen neues Momentum verliehen. Blog hin oder her, wir sind alle einsame Literawölfe auf der Suche nach schriftstellerischer Beute. Auch die Literatiere sind keine neue Idee, … wie ich zu meiner Enttäuschung bei der Suche im Interland feststellen musste: Franz Blei, Bestiarium literaricum, 1920, Rowohlt,….

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