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Archive for März 2007

Kinderpoesie

„Fingerfarben hab ich auch bekommen, und eine Fahne für’s Fahrad.“ Sie plapperte fröhlich weiter, bis sie abrupt absetzte, sagte: „Ich muss jetzt meine Möhren essen“ und den Hörer an ihre Mutter weitergab. Mir wurde erklärt, dass es sich um die Marzipanmöhren auf dem Geburtstagskuchen handelte. Und dann bekam auch ich ein Geschenk, die neueste Folge der Kinderpoesie:
Rülpsraudi
Pupsprinzessin
Furzfee
… oder einfach kurz: RR, PP, FF!

Kind müsste man sein!

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Leibscher Meßdrubel

Zur Messezeit, im Jahr zweemal,
wärkt Leibzsch sähr indernazional
Da gwärcheln unterm Blubligum
Ne ganze Masse Fremder Rum

.Lene Voigt (1929)

Radiusstrasse – Messegelände – Augustusplatz – Radiusstrasse – Hauptbahnhof – Messegelände – Moritzbastei; immer wieder; quer durch, durch Leipzig; wo man rote Gauloise und f6 raucht und es nicht aufhören will zu regnen.
Zwischen Belletristik, Lexikon und Buchdruck verirre ich mich ins jugendliche Märchenland des Animé. Plötzlich bin ich die einzige, die nicht Netzstrümpfe, schwarze Lippen, Kimono und Mondphasenzauberstab trägt.
Die Tage fließen wie die Menschenmassen durch diese Hallen. Geplauder an Verlagsständen, Gesang lesbischer Doppelautoren, Diskussionen zu europäischen Sonntagsreden, und Lesungen portugiesischer Exilautoren. Ich nehme alles mit, lasse mich berauschen. Abends treibe ich mich in den Kellern dieser Stadt herum. Lausche Annette Mingels Worten zu Romantikern, lache mit Clemens Meyers noch zu schreibendem Leipziger Allerlei, bin fasziniert von Kevin Vennemanns dichter Prosa zu österreichischem Rassismus, wundere mich über Franziska Gerstenbergs Metapher des rasierten Schamhaars, bin mir nicht sicher was ich in Kolja Mensings Minibar wirklich finden soll und reise mit Martin Kordićs Bus ins wunderbare Nirgendwo.
Montagmorgen, wieder daheim, und ich gehöre zu den 127.000 Besuchern, die Leipzig dieses Jahr mit einem neuen Besucherrekord bescherten.

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Bahnhöfe

Zwischen den Dächern über den Gleisen schneien die Flocken wie fröhliches Konfetti. Meine Abreise wird gefeiert. Mit Wurstsemmel, Apfeltasche und Zeitung bepackt, harre ich des technologischen Wunders, das mich gen Osten kutschiert.Bahnhöfe sind die letzten Stätten der Begegnung, der Kommunikation, der Durchlässigkeit von Individuum und Herde. Im Herzen der Stadt als Umschlagplatz menschlicher Lebenswege, Durchgangsverkehr und Kopfbahnhof, übersichtlich zusammengewürfelt, Gleis an Gleis, ständig flatternde Anzeigetafel fernverstreuter Orte der Herkunft und Ziele, ohne Kontrollen, nur ein Spalt trennt Bahnsteig und Wagon.

Hinter den dicken Scheiben schneide ich Grimassen auf kopfsteinpflasterne Dorfplätze herab. Während der eiserne Wurm sich in die Kurve legt, ziehen winterliche Landschaften vorbei. Ein Fluss läuft fast über und die Wolken liegen tief. Dann tauche ich in eine neue Stadt. Langsam angenähert, über Land, die Veränderung spürend, ergossen auf einen gewölbt überdachten Bahnhof einer neuen Wirklichkeit.

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Irrwege

Mitten in Köln finde ich mich in Ausland. Die U-Bahn eine Straßenbahn, gesprochen wird neapolideutsch, türkisch, kroatisch und vietnamesisch. Ach, und Kölsch. Ich verstehe kein Wort. Die Innenstadt nur Baustelle, ich andere Baustelle. Der Geburtsort des Punk liegt dort, wo ich herkomme, aber hier auf dem Domplatz, treffe ich sie. Zwischen Skateboardern und Biertreff. Am Fahrkartenschalter weiß ich nicht welche Taste drücken. Hermann, Ebert, Barbarossa, Chlodwig. Zurückbleiben die Herren! Ich laufe durch das Mittelalter, an Heidis Treff und Nazims Dönerstand vorbei ins Pfandhaus. Endlich die Lesung. Endlich dringt sie wieder zu mir durch, die Sprache.

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Die Stunde der Eile

Wenn sich dicht an dicht Anzüge auf dem Bahnsteig drängen, Kaffeebecher in den Händen brennen und die Sekunden digital anschwellen, dann ist das letzte was vonnöten, ein Feueralarm am anderen Ende der Stadt und Züge, die im Tunnel stecken.

Bis ins Büro sind die Haare trocken, das Mobiltelefon auf Bereitschaft, die Zeitung noch nicht ausgelesen. Von Frühstück war nie die Rede.

In der Stunde der Eile verlangsamt sich die Zeit, verzögern sich die Bewegungen, schlägt der Puls schneller.

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Das Wort

Sie kürzte. Szene um Szene.
Die Stelle, an der er durch den Park irrt. Weg. Die endlose Passage seiner trunkenen Odyssee durch die Stadt. Weg. Das nicht enden wollende Lamentieren über die vernunftslose Schönheit einer Kirche. Weg. Siebenhunderdreiundachzig Adjektive. Gestrichen. Die tote Schwester. Redigiert. Reduzierter Text. Die Essenz kondensiert am Sinn des Wortes. Möge es so verwandelt in die heiligen Hallen treten. Literatur werden.
Nackter Unsinn.
Als nächstes wird beschrieben. Proust gelesen.

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Papierschnipsel

sie übersäen den teppich;
ich will sie pflügen; daraus blüten wachsen lassen;
wortgewächse; geschichtendschungel;
so ein unsinn; weg damit;
staubsauger saugt sich voll; papierschnipsel liegen schwer im magen;
röcheln; tüte wechseln;
im frühjahr wuchsen stilblüten aus der tonne;
papyrus florealis

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