Sie drückte ihre Zigarette aus und zog den Schieberahmen in die wetterverzogene Einfassung. Draußen blieben die Geräusche in Dunkelheit getaucht. Nur der weiße Schatten des erleuchteten Fensters gefror schrill auf dem Beton des Hinterhofs. Für einen Moment starrte sie auf ihren Scherenschnitt darin. Gefangen im verzerrt schimmernden Rechteck. Zögerlich drehte sie sich vom Fenster weg und rieb die Gänsehaut auf ihren Oberarmen.
„Sieben drei vier – Li Chang – zurück zu deiner Station!”
„Onkel Wang ruft nach dir, Schätzchen.“
„Mmh.“
Sie zwängte sich an Michelle vorbei durch die Türe des Aufenthaltsraums, wusch ihre Hände und Unterarme im Desinfektionsbad, nahm einen Schluck Wasser und schritt den gekachelten Korridor hinunter.
Onkel Wang. Keineswegs ihr Onkel, aber er pochte darauf, dass die Belegschaft ihm diesen Titel zugestand. Er kümmerte sich um sie. Sie alle seien seine Familie.
Die Dichtung im Rahmen zischte und die Türe glitt in ihren Schlitz in der Wand. Betäubt vom Lärm klappernder Töpfe, surrender Elektrogeräte und dem steten Wummern der Öfen, steckte sie sich die Ohrenstöpsel in die Muscheln. Der Raum verwandelte sich in ein lautloses Ballett aus hantierenden Köchen und schwimmenden Gerüchen. Behände bahnte sie sich ihren Weg durch einen der engen Gänge, die die lang gezogene Halle in Zonen unterteilte. Sie wich wirbelnden Messern aus und durchteilte zähe Wolken, aus denen man Brühe destillieren könnte. Nahe der Türe waren die Kaltstationen für Vor- und Nachspeisen angeordnet, dann die Suppen- und Beilagenbereiche. Den mittleren Teil bildete die Insel der Unterstützungssektion, mit dampfenden Spülmaschinen, Wärmestationen und der Logistikzentrale. Dahinter kamen die Reihen der Hauptspeiseabteilungen. Hier wurde es zunehmend heißer. Flammende Wokherde und glühende Brätereien trieben die Hitze fast bis ins Unerträgliche. Die Köche standen in ihrem Schweiß, manche konnten nicht länger als eine Stunde ohne Pause an ihrem Herd stehen. Einmal hatte ein Koch halluziniert und mit Messern um sich geworfen.
Als sie ihre Station erreicht hatte, drückte sie den Bereitschaftsknopf, nickte ihrem Vorsteher zu und begann ihren Part in der genau abgestimmten Choreographie des Balletts aus menschlichen Maschinen zu tanzen. Bestellungen flackerten auf der Anzeigetafel über ihrem Herd auf, Zutaten erschienen in metallenen Behältern zu ihrer Rechten und Linken, vor ihr wartete ein gähnendes Tablett mit dem vorgewärmten Teller. Sie benötigte exakt zweihundertdreizehn Sekunden, um die hauchdünnen Streifen Fleisch in Ingwer anzubraten, die fein gewürfelten Matsutake unterzuziehen, ohne dass sie mit dem Fleisch verklebten, das Ganze in Sake zu flambieren, mit einem Spritzer Soyasauce abzulöschen und mit in Chili-Zucker gepuderten Sesamkörnern, anzurichten. Mehr als zwei Portionen konnte man nie in einer Pfanne gleichzeitig zubereiten. Das war das Qualitätsprinzip des Restaurants. Menschliche Köche und individuell zubereitete Gerichte. Pro Schicht schaffte sie 205 Bestellungen. Sie war stets ausgebucht.
Man hatte sie beglückwünscht. Nicht jeder wurde ausgewählt ein Gericht des berühmten Master Seomoon Watanabe zubereiten zu dürfen. Aber Li Chang wusste, dass die Auswahl nicht allein ihrem Kochtalent zu zuschreiben war.
Sie hatte mit dem Ausputzen der meist noch heißen Öfen begonnen, war in ihnen herumgekrochen und hatte verbrannte Essensreste abgekratzt. Nach zwei Jahren durfte sie Gemüse schneiden, dann garen. Man hatte ihr gute Führung bestätigt und sie gelehrt wie man frittiert. Wieder waren Jahre vergangen. Sie hatte geschwitzt und gekocht und einmal im Monat ihren Eltern Meldung gemacht. Geld geschickt.
Die Temperaturen konnten in diesem Teil der Küche, trotz der Abzugsanlagen bis auf fünfzig Grad steigen. Nur wenige ertrugen diese Hitze, Neulinge fielen regelmäßig in Ohnmacht. Sie aber hielt die Zwölfstundenschicht ohne Probleme durch.
Außer den Wissens- und Intelligenztests hatte der Abschluss ihrer Mittelschule auch aus einer Reihe von medizinischen Untersuchungen bestanden. Mittelmäßige Intelligenz und durchschnittlich gute Gene waren ihr bestätigt worden. Aber vor allem: Hitzebeständigkeit. Ihr Körper arbeitete auch bei extrem hohen Temperaturen konzentriert. Und so standen ihr die Arbeit in einem Stahlhochofen in ihrer Heimatstadt, auf einem Solarfeld in der Öde des Westens oder der Küche hier in der Zentralregion zur Wahl.
Mit leuchtenden Augen hatte ihre Mutter ihr vorhergesagt sie würde ihr Land und ihre Familie stolz machen, wenn sie zurückkehrte. Schon bald Vaters Rang und Gehaltsstufe überschreiten. Gutes Geld verdienen. Einen ansehnlichen Gatten finden. Dem Fortschritt des Landes voranmarschieren.
‘Mit Chili-Zucker gepuderte Sesamkörner’ wurde mit dem Literaturpreis des Duft des Doppelpunktes in der Kategorie 8.-10. Preis ausgezeichnet.