Bis auf das Äußerste hatte sich seine Vorfreude während der letzten Tage gesteigert. Heute Morgen als das Haus begann den Geruch von Schokolade bis in die Poren seiner Holzverkleidung zu atmen, konnte er sich kaum noch beherrschen. Er träumte seit Tagen von jenem säuerlich-süßen Geschmack der braunen Verzückung. Sehnsüchtige Begeisterung hatte sich in hasserfüllte Lust verwandelt. Genüssliche Spannung in bittere Verachtung.
In den späten Vormittagsstunden löste das schrille Motorengeräusch des Mixers das ruhige Brodeln schmelzender Schokolade ab. Lange saß er auf der obersten Stufe der Treppe und lauschte der Geschäftigkeit seiner Mutter unten in der Küche. Dann erstickte die Kühle des Vorratskellers die Vollendung des Werks. Mittags brachte er zu Fischstäbchen und Erbsen kaum ein Wort heraus. Ein kurzer Sommerschauer zog vorüber und verwandelte die Schwüle in laue Wärme. Statt seine Geometriehausaufgaben zu erledigen, starrte er aus dem Fenster.
Dann schlug die Kellertüre wieder auf. Die Schritte seiner Mutter knarrten verheißungsvoll auf den Holzstufen. Er lauschte angespannt aus dem ersten Stock. Er spürte wie sie ihn in einer Hand balancierte, den Krug Limonade in der anderen. Es machte ihn fast wahnsinnig. Er stand auf, legte sein Buch beiseite und schritt lautlos bis zum Treppengeländer. Jetzt saß er wieder auf der obersten Stufe. Ein Gefühl von Wut begann in ihm zu gären. Warum spannte sie ihn solange auf die Folter? Schließlich war sein Geburtstag schon heute Morgen angebrochen.
Vorsichtig stieg er die Treppe hinunter und übersprang die knarzende fünfte Stufe. Auf der Untersten verharrte er und peilte um den Türrahmen in die Küche. Seine Mutter hantierte mit dem Rücken zu ihm an der Spüle. Er wartete kurz bis das an- und abschwellende Klappern ihm erlaubte den Moment eines Geräuschhöhepunkts zu nutzen, hüpfte dann federleicht vom letzen Absatz in den halbdunklen Gang. Eng an die Wand geschmiegt, duckte er sich unter die Mäntel in der Garderobe. Kroch hinüber zum nächsten Türrahmen. Der Perlenvorhang verschleierte die Sicht auf das stille Esszimmer dahinter. Sein Blick schweifte zurück zum betriebsam leuchtenden Rahmen der offenen Küchentüre. Langsam legte er sich auf den Bauch und schob seinen Körper durch den Spalt, den der Vorhang zum Boden ließ. Kein Klimpern war zu hören, nur das leise Schaben seiner Kordhose auf den Holzdielen. Gedeckt für die geladenen Gäste erhob sich vor ihm nun der hohe Esstisch in der Mitte des Raumes. Einem Altar gleich strömte Ruhe und Macht von ihm aus. In Sonnenschein getaucht, schimmerte das gelb karierte Tischtuch unter den mit Serviettenschiffchen und Blumen geschmückten Tellern hervor. Dahinter lag die blass grüne Tapete wie eine Blumenwiese. Und dort, im Zentrum dieses Sommergemäldes lag sein Verlangen zwischen zwei noch nicht entzündeten Kerzen. Sein Überzug erstrahlte im Glanz eines dunklen Spiegels. Die Sahnetupfer an seinem Boden konnten sich jeden Moment verflüssigen. Wie ein Ringwall verbarrikadierten die Stühle den festlichen Tisch. Lautlos richtete er sich auf und rückte Einen behutsam zur Seite. Dabei kratzte das Stuhlbein über die Kante des Teppichs. Er erstarrte und versuchte seine Ohren bis zu dem geheimnisvollen Vorhang zu weiten. Aber das Schaffen dahinter blieb ohne Unterbrechung. So kletterte er auf den Sitz und inspizierte sein Opfer. Von oben sah er noch verführerischer aus. Den inneren Kreis bunter Smarties und die Kirsche auf Sahne in der Mitte, hatte er von unten nicht sehen können. Zusammen mit dem äußeren Ring aus Sahnehäubchen luden sie ihn wie eine Zielscheibe ein, das Unaussprechliche zu vollziehen. Er nahm das schwere Messer und ließ dessen Klinge aufblenden. Den Geruch der angewärmten Schokolade sog er tief in seine Nasenhöhlen ein. Erregt richtete er das Blatt aus und ein verzücktes Lächeln erhellte sein Gesicht als die Spitze durch die spiegelnde Oberfläche drang, auf die harte Schicht Bitterschokolade stieß, diese mit einem lustvollen Knacken durchbrach und in das weiche Mousse darunter drang. Langsam senkte er den Griff dem Rand zu. Eisschollen gleich brachen Teile des Gusses in einer verhaltenen Implosion in sich zusammen. Eine kleine Drehung des Handgelenks schob eine Zufahrt zum Inneren auf. Schokoladensauce rann zähflüssig über die befleckte Klinge. Vorsichtig griff er nach einem winzigen Splitter und betrachtete ihn andächtig auf der Spitze seines Zeigefingers. Die Schokolade begann zu schmelzen und legte sich wie ein Blutstropfen an seinen Finger. Genüsslich leckte er ihn ab. Unvermittelt erfüllte ihn die bittere Süße. Er rieb seine Zungenspitze am Gaumen, um das Aroma noch ein wenig zu verlängern. Still lag der verletzte Kuchen vor ihm als er das verschmierte Messer gemächlich aus seinem Körper zog. Ein gelber Smartie rutschte die Klinge hinab. Er konnte sich nicht mehr beherrschen. Noch einmal stach er das Messer in sein Zentrum. Den betörenden Geruch verstummen lassen, das Zucken der Bitterschokolade ersticken. Wieder stieß er zu. Und wieder. Immer wieder. Die Schokoladensauce spritzte wie aus einer offenen Arterie über sein Gesicht. Kleine Stücke des Übergusses schleuderten über den Tisch. Schmolzen zu Tropfen auf den sonnengewärmten Tellern. Verklebten sich in Blüten und Serviettenschiffchen.
Er nahm seine freie Hand und fuhr wie durch Eingeweide in das zertrümmerte Innere. Spürte zerschmetterte Brocken der Dekoration in das kühle Mousse gemischt. Griff zu und hob seine Hand hoch über das Schlachtfeld. Mit einem forschenden Blick betrachtete er die Masse, die ihm von den Fingern rann. Das Herz, die Seele, die wahre Essenz seiner Lust pulsierte vor seinen weit geöffneten Augen. Andächtig führte er die Hand zum Mund und stopfte sich ihren Inhalt gierig in den Rachen. Zwischen seinen Zähnen zerbarsten Smarties, die Kirsche wurde zerquetscht und seine Zunge zuckte unter dem Geschmack der Schokolade. Pfeffer, Chili, Orangen, Zucker. Als Farben flackerten die verschiedenen Reize vor ihm auf. Mit Wollust zerkaute er alles. Die perfekte Komposition, wahrlich vereinigt erst beim Verzehr. Ein kräftiger, aber weicher Boden, getränkt in Sauce, überlagert von Mousse, dann zwei dünne Lagen Biscuit, gehalten von einer Schicht Sahne durchsetzt mit Schokoladestreusel. Alles gehüllt in einen Panzer aus feinster Bitterschokolade. Er hatte während der letzten Monate von diesem Moment sooft geträumt, dass er Schokolade zu jeder Tages- und Nachtszeit auf seiner Zunge schmecken konnte. Wieder griff er in die offen liegende Wunde und füllte seinen Mund mit einem Stück Schlaraffenland. Sein Gesicht war von Schokolade verschmiert und Spuren des Kampfes zeichneten sich auf seinem Kragen und Hemd ab. Seine linke Hand triefte von brauner Sauce und sein Ärmel war von Schokolade und Sahne verklebt.
„Johnny! Johnny, bis du fertig? Deine Freunde werden gleich eintreffen.“
Die Stimme drang aus weiter Ferne zu ihm. Nur unwillig ließ er sich aus seiner Glückseligkeit reißen. Man wollte ihn in seinem Opferritual stören. Er hob das Messer an, aber als er aufblickte, war das Gesicht seiner Mutter bereits direkt vor ihm. „Johnny!“, schrie sie.„Du Mummy, warum lädt Johnny mich nicht mehr zu seiner Geburtstagsfeier ein, wie er es versprochen hat?“
„Weißt du Schatz, es gibt gar keine Feier. Seine Mum hat gesagt, dass er etwas Verbotenes getan hat und auf seinem Zimmer bleiben muss.“
„Aber Mummy, darf man an seinem Geburtstag nicht alles machen was man will?“
‘Der verbotene Kuchen’ erhielt den Publikumspreis des Schreibfeder Literaturwettbewerbs 2006.